Kaninchenjagd in den Bergen Andalusiens
Ein fotografischer Streifzug durch Tradition, Familie und Landschaft
Ein Freitag voller Thunfisch, Gespräche und überraschender Pläne
Es ist ein später Freitagmittag Anfang November im Herzen Granadas. Die Herbstsonne steht tief zwischen den Fassaden, die Luft trägt einen warmen Hauch von Gewürzen, gegrilltem Fleisch und dem Gemurmel der Menschen in den engen Gassen. In einem kleinen Restaurant an der Plaza de Bib-Rambla, dort, wo die Stadt pulsiert, sitze ich mit meiner Frau Gemma, ihren Eltern – Paco und Pepi – sowie ihrem Cousin José David mit seiner Frau Eva bei einem ausgedehnten Mittagessen. Wie so oft in Andalusien, beginnt das Wochenende nicht erst am Samstagmorgen, sondern mit dem ersten Glas Bier am Freitag.
Der Tisch ist vollgestellt mit Tellern: heute steht ein 10-Gänge Menue vom Thunfisch an. Dazu reichlich Cerveza und Vino zur Begleitung. Der Geräuschpegel steigt, je länger wir sitzen, um so schneller füllen sich die Gläser mit Vino. Der Nachmittag zieht ohne Eile dahin – Zeit hat hier eine andere Bedeutung als in Deutschland.
Irgendwann zwischen dem dritten und fünften Glas Rotwein lehnt sich Gemma zu mir herüber und sagt mit einem Lächeln, das sowohl Ankündigung als auch Herausforderung enthält:
„Mañana vas de caza con mi padre y José David. Du gehst morgen mit auf die Kaninchenjagd. Du sollst fotografieren.“
Ich schaue sie an, überrascht, aber nicht unvorbereitet. Die Jagd ist in ihrer Familie fest verwurzelt, und ich habe bereits oft Geschichten über die frühmorgendlichen Ausflüge, die Hunde, die Flinten und das traditionelle Zusammenspiel aus Mensch, Tier und Landschaft gehört. Dennoch war der Gedanke, selbst einmal dabei zu sein, bisher theoretisch geblieben. Jetzt aber wirkt er plötzlich sehr real.
„Natürlich“, sage ich. „Warum nicht?“
Paco nickt zufrieden, José David klopft mir auf die Schulter, und Eva lacht, als wüsste sie schon jetzt, wie sehr ich am nächsten Tag die Hitze und das Gelände spüren werde.
Aufbruch in den Morgen – Vorbereitungen zwischen Waffen, Werkzeug und Hunden
Der Samstag beginnt für spanische Jäger ungewohnt spät. Während deutsche Waidmänner traditionell vor Tagesanbruch aufbrechen, herrscht hier eine angenehm entspannte Haltung. Um Punkt 10:00 Uhr fahren Paco, seine beiden Hündinnen Sara und Luna und ich zu dem Hof von José David und seinem Sohn David. Die Sonne scheint bereits kräftig, doch die Luft ist noch kühl genug, um den Tag freundlich zu beginnen.
Vor mir liegt ein ungewohntes Bild: auf dem Boden gereiht eine Langwaffe, mehrere Schrotpatronen, ein Jagdmesser im Lederschutz, ein kleiner Rucksack mit Wasser und Verbandszeug sowie ein Ledergurt, an dem erlegte Tiere befestigt werden können. Daneben stehen 4 mittelgroße Hunde – Podencos, eine spanische Jagdhunderasse, die speziell für die Kaninchenjagd gezüchtet wird: wendig, ausdauernd, instinktsicher und mit einem nahezu unerschöpflichen Bewegungsdrang.
Die Tiere sind bereits voller Energie. Sie springen bellend im Kreis, winseln ungeduldig und wissen genau, wohin es heute geht. Nur die jüngste Hündin, Luna, scheint in ihrer Nervosität fast zu überlaufen.
Ich habe mein kleines Kamerasetup in der Billingham Tasche dabei. Eine Leica SL mit einem 75 mm, 2.0 Objektiv, sowie ein Reserveakku. Die Jagd ist unberechenbar, und nichts wäre schlimmer, als im entscheidenden Moment einen leeres Display zu sehen.
Nach wenigen Minuten ist alles verstaut. Die Hunde steigen in den Anhänger, der mit einer Mischung aus Heu und alten Decken ausgelegt ist. Dann starten wir – drei Jäger, sechs Hunde, ein Anhänger voller Erwartung und ein deutscher Fotograf, der nicht ganz sicher ist, auf welches Abenteuer er sich eingelassen hat.
Der Weg ins Jagdgebiet – Kaffee, Brot und der Blick auf die Berge
Wir fahren aus Granada hinaus, vorbei an den kleinen Dörfern, die wie weiße Kleckse am Hang kleben, vorbei an weiten Feldern und den unendlichen Reihen silbrig glänzender Olivenbäume. Die Landschaft wirkt zeitlos; seit Jahrhunderten hat sie sich kaum verändert.
Nach einer halben Stunde machen wir an einer kleinen Raststätte Halt. Dies ist eine weitere Tradition: Bevor man in den Bergen Stunden verbringt, stärkt man sich mit einem café con leche und einem einfachen, aber hervorragenden Frühstück – meist ein belegtes Brot mit jamón, Käse oder Tortilla. „Denn später“, erklärt José David, „gibt es nichts mehr bis zum Abend.“
Wieder im Auto biegen wir nach weiteren Kilometern auf eine Schotterstraße ab. Der Weg führt uns zur heutigen Jagdzone, in der Nähe einer alten Olivenmühle. Die Sonne steht mittlerweile hoch am Himmel, und ein warmer Wind zieht über die Hügel. Staub legt sich auf Schuhe, Hosen und Kamera. Die Hunde im Hänger beginnen zu fiepen – sie spüren, dass es gleich ernst wird.
Ankunft – Der Rhythmus der Hunde
Wir parken das Auto unter einem einsamen Olivenbaum. Die Landschaft wirkt zugleich rau und friedlich: Steine, niedrige Sträucher, trockene Erde und die silbernen Blätter der Olivenbäume, die im Wind rascheln.
Paco öffnet den Hänger. Die Podencos schießen heraus wie Pfeile, rennen im Kreis, schnuppern am Boden, heben die Ohren, springen über Steine und Büsche. In ihren kurzen Bewegungen liegt pure Leidenschaft. Man merkt sofort, dass die Jagd für sie nicht Arbeit, sondern ein Spiel ist – eines, für das sie geboren wurden.
Nur die jüngste Hündin, Luna, scheint in ihrer Nervosität fast zu überlaufen. Paco befestigt ihr ein kleines Holzstück am Halsband, das beim Laufen klappert – ein traditionelles Hilfsmittel, um scheue Kaninchen aufzuschrecken.
Ich begleite das ganze Spektakel mit der Kamera. Die Hunde sind schnell, unberechenbar und wechselhaft im Licht. Der Moment ist oft vorbei, bevor man ihn greifen kann. Doch genau das macht den Reiz aus.
Die Jagd beginnt – Schüsse, Schatten und Instinkt
Die ersten Schritte führen über sanfte Hügel. Die Hunde breiten sich fächerförmig aus, verschwinden immer wieder zwischen den Büschen und erscheinen nur Sekunden später wieder. Ihre Sinne arbeiten schneller, als wir folgen können.
Nach etwa 30 Minuten ertönt der erste Schuss. Ich erschrecke – weniger wegen der Lautstärke, sondern wegen der Präzision, mit der José David die Flinte vom Rücken nimmt, anlegt und abdrückt. Der Klang ist dumpfer, als ich erwartet hatte. Kein Filmknall, kein übertriebenes Echo. Nur ein kurzer, kontrollierter Impuls.
Das Kaninchen entkommt. Sein Sohn schüttelt den Kopf, aber nur kurz. „Heute ist ein langer Tag.“
Ich halte das Geschehen fest, versuche, die Hunde im Suchmodus einzufangen: gespannte Muskeln, erhobene Rute, die Nase dicht am Boden. Stundenlang sind sie im Einsatz und zeigen dabei kaum Ermüdung.
Etwa zwanzig Minuten nach dem ersten Schuss ist es dann nicht der Mensch, sondern ein Hund, der Erfolg hat. Einer der Podencos fängt ein Kaninchen in einem schnellen Satz, hält es sicher, aber nicht brutal, und bringt es zu José David. Es ist ein natürlicher Vorgang – das Ergebnis jahrhundertelanger Zucht, angepasst an diese Art der Jagd.
José David lobt den Hund, nimmt das Tier an sich und befestigt es am Patronengürtel. Für ihn ist es ein Moment des Respekts – nicht des Triumphs.
Die folgenden Stunden – Tradition, Geduld und die Kunst des Wartens
Die Jagd zieht sich weiter. Es wird heiß. Der Staub klebt an den Schuhen, die Sonne brennt auf die Schultern, und die Hunde bewegen sich unermüdlich durch das hügelige Gelände. Ich fotografiere Szenen voller Spannung und Ruhe zugleich: Männer, die konzentriert durch die Landschaft gehen; Hunde, die mit unglaublicher Präzision Spuren verfolgen; Momente, in denen plötzlich alles still ist und jeder Blick auf die Büsche gerichtet wird.
In den kommenden Stunden fallen weitere Schüsse. Neun Kaninchen werden erlegt – ein übliches Ergebnis für diesen Teil Andalusiens. Es geht hier nicht um Mengen, nicht um Trophäen, sondern um die Verbindung zur Natur und darum, ein Stück Tradition fortzuführen, die tief in der spanischen Kultur verwurzelt ist.
Die Tradition der Kaninchenjagd in Spanien
Die Kaninchenjagd – caza menor – hat in Spanien eine lange Geschichte. Sie war über Jahrhunderte nicht nur Sport, sondern ein notwendiger Bestandteil des Lebens. In ländlichen Gegenden gehörte sie zur Versorgung der Familien und war oftmals die einzige Möglichkeit, Fleisch auf den Tisch zu bringen. Noch heute hat sie eine große soziale Bedeutung:
- Ein Treffen der Generationen, bei dem Wissen weitergegeben wird.
- Ein respektvoller Umgang mit Natur und Tier, geregelt durch strenge Gesetzgebungen.
- Ein Moment der Gemeinschaft, der viel mehr ist als das Erlegen eines Tieres.
Paco und José David besitzen sowohl einen Jagd- als auch einen Waffenschein. Beide wissen um die Verantwortung, die diese Tätigkeit mit sich bringt. Es geht nicht um das Töten – es geht um den Erhalt einer Kultur, die sich über Jahrhunderte entwickelt hat.
Das Ausweiden – Ein notwendiger Schritt
Gegen Nachmittag, als die Sonne etwas tiefer steht und die Schatten länger werden, setzen wir uns in den spärlichen Schatten eines Olivenbaums. Die Hunde legen sich endlich hin – erschöpft, aber zufrieden. Die Jäger beginnen, die erlegten Kaninchen auszunehmen. Es ist eine kurze, sachliche Arbeit, die mit Respekt und Routine ausgeführt wird. Dazu werden die Kehlen erfrischt mit einem kühlem Dosenbier, dass Paco extra in einer Kühlbox mitgebracht hat.
Für mich als Fotograf ist dieser Moment gleichzeitig roh und authentisch. Die schlichte Selbstverständlichkeit, mit der die Männer diese Aufgabe erledigen, zeigt eine Verbindung zur Natur, die in urbanen Kulturen zunehmend verloren geht.
Rückfahrt und Belohnung – Ein spätes Mittagessen
Als die letzten Ausrüstungsgegenstände im Auto verstaut sind und die Podencos wieder im Hänger liegen, kehrt eine angenehme Ruhe ein. Die Müdigkeit sitzt uns allen in den Knochen – mir als Fotografen genauso wie den Jägern selbst.
Aber die Jäger haben noch eine kleine Tradition. Nach der Jagd wird gut gegessen und getrunken.
Schon kurz nach der Abfahrt erreichen wir ein kleines Restaurant in einem Dorf. Die Art Lokal, die man nur findet, wenn man sie kennt. Es gibt Fleisch vom Grill, Pommes, Salate und dazu natürlich Bier.
Am Ende bestellt Paco Pacharán. Ein süßer Abschluss. Wir sitzen auf der Terrasse, schauen auf die Landschaft, trinken, schweigen oder lachen. Es ist der perfekte Abschluss eines langen Tages.
Es ist ein Gefühl der Zusammengehörigkeit. Ich bin der Gast – der Deutsche, der Schwiegersohn – und doch fühle ich mich an diesem Abend wie ein Teil der Familie.
Sonntag – Der Kreislauf schließt sich
Am Sonntagmittag duftet es im Haus meiner Schwiegereltern nach Knoblauch, Lorbeer, Tomate und Wein. Pepi steht am Herd und bereitet aus den Kaninchen ein typisches andalusisches Gericht: conejo en salsa. Langsam geschmort, würzig, intensiv.
Wir sitzen um den Tisch, essen, reden, lachen. Das Fleisch ist zart, die Sauce kräftig, die Atmosphäre familiär und warm.
Für mich ist dieser Moment der Abschluss eines Prozesses.
Fazit – Fotografie als Brücke zwischen Kulturen
Für mich als deutschen Fotografen war dieser Tag mehr als ein Ausflug in die Berge. Es war ein tiefes Eintauchen in die Kultur Andalusiens – roh, ehrlich, lebendig.
Die Leica hat mir geholfen, nicht nur Motive zu sehen, sondern Geschichten. Jedes Bild steht für einen Aspekt dieses Tages:
- die unruhige Energie der Podencos
- Pacos ruhige Konzentration
- José Davids Erfahrung
- die intensive Landschaft
- die Tradition, die über Generationen getragen wird
Und ich habe etwas verstanden:
Die Jagd ist hier keine sportliche Trophäensammlung. Sie ist ein Ritual, ein soziales Band, ein Stück kulturelle Identität.
Aber auch ein Erbe, das weitergegeben wird – von Vater zum Sohn, von Generation zu Generation.
Ich durfte sie begleiten – als Fotograf, als Familienmitglied, als Gast.
Und ich werde diesen Tag nie vergessen.